Die Robert-Parker-Story
Ein veritabler Skandal erschüttert derzeit die internationale Weinszene. Vorläufiger Höhepunkt ist der am
5. Dezember bekannt gewordene Rückzug des amerikanischen Weinschreibers Jay Miller aus den Diensten des einflussreichen amerikanischen Weinkritikers Robert Parker und dessen Publikation The
Wine Advocate. Dr. Jay Stuart Miller, so sein vollständiger Name, ist ursprünglich Psychologe sowie Kinder- und Familientherapeut und arbeitete neben Jobs und Beteiligungen bei diversen
amerikanischen Weinhändlern seit 1985 zunächst in Teilzeit und später ganz als Parkers Mann für die Verkostung von Weinen etlicher nordamerikanischer Weinregionen abseits
Kaliforniens sowie der Weine aus Australien, Südamerika und Spanien. Bisher ist Millers Name, der wie Parker in der Nähe von Baltimore lebt, noch auf der Homepage von Parker zu finden.
Eine Trennung, wie Informationen aus dem Umfeld des Wine Advocate nahelegen, erfolge offenbar Anfang kommenden Jahres.
Auslöser der Vorgänge um Miller sind umfangreiche Nachrichten und Meldungen, die über Internetbloggs und Social Communities wie Facebook und Twitter kursieren, in denen gegen Miller
und seine Helfer der Vorwurf erhoben wird, für die Verkostung spanischer Weine nicht unentgeltlich gearbeitet zu haben. Eine umfangreiche Berichterstattung ist seit 12. Dezember auf der
Internetseite von Meininger‘s Wine
Business International (WBI) zu finden, die die wichtigsten Fakten und Ergebnisse der Recherchen unter der Überschrift »A long, hard look at the Spanish cash for access
scandal« zusammenfasst.
Peinlich ist die Sache für Robert Parker in jedem Fall: Mit der finanziellen Unabhängigkeit steht und fällt die gesamte Reputation Parkers, der in seinen »ethical
Standards« auf Seriosität und unbezahlte Weinkritiken größten Wert legt. Neben Miller steht der gebürtige Chilene Francisco Armando Campo Carrasco, in internationalen
Weinkreisen besser bekannt unter dem Namen »Pancho Campo« und seines Zeichens erster spanischer Master of Wine (2008) im Mittelpunkt der skandalträchtigen Geschichte. Robert Parker
selbst hat Pancho im Frühjahr 2010 angeheuert und gebeten, wie Pancho gegenüber WBI bekannte, den etwas hilflosen dafür umso feisteren Miller bei seinen Recherchen für den Wine
Advocate in Spanien zu unterstützten. »Nur wenige spanische Weinerzeuger seien des Englischen mächtig und der etwas desorganisierte Miller braucht Unterstützung bei Transport,
Hotels und Flügen«, erklärte Campo gegenüber WBI lapidar. Die Kosten für dessen Bemühungen bezahlte Parker ebenso wie die Reisen, die Miller daraufhin in einige
spanische Weinregionen wie Toro, Ribera del Duero und Rioja im Sommer 2010 unternahm.
Rund um die spanische Weinmesse Fenavin im Frühjahr 2011 erfolgte dann offenbar eine Wende im unentgeltlichen Gebaren der Parker-Emissäre, denn nun häufen sich Berichte, die der in
Spanien ansässige englische Journalist Harold Heckle ans Tageslicht brachte, die zwischen spanischen Weinwerbeorganisationen und der von Pancho Campo als Gründer und Präsident
geleiteten Wine Academy of Spain gewechselt wurden. Mehr oder weniger direkt oder indirekt wurden für Besuche Millers oder der Teilnahme an Verkostungen und Seminaren Geld verlangt.
Tagessätze von 15.000 bis 20.000 Euro stehen im Raum, die einen Streit entfachten, ob Miller bei einzelnen Veranstaltungen als freier Autor oder Abgesandter Parkers unterwegs war. Bis heute
fehlen klare Antworten darauf. Geschäftsmann Campo, der für seine showträchtigen Auftritte bekannt ist, sorgte mit einer E-Mail vom 3. Juni 2011, das er an einen der Interessenten,
die Organisation Vinos de Madrid, von seinem iPhone verschickte, für erhellende Einblicke in die Geschäftspraktiken. Darin preist er den Besuch Millers im Sommer 2011 als einmalige
Gelegenheit für die Madrilenen an, da die Region weder 2012 noch 2013 in Parkers Besuchsplänen stände. Normalerweise wäre ein solcher Besuch für nicht unter 40.000 Euro zu
haben. Doch man könne sich glücklich schätzen, dass Miller zugestimmt habe, zwei Tage länger und zum halben Preis zu kommen, mailte der umtriebige Campo, der schon mal auf den
Fahndungslisten von Interpol zu finden war und als ehemaliger Tennisspieler eine reichhaltige Vita bis hin zu mehr als dubiosen geschäftlichen Aktivitäten in Spanien und Dubai vorzuweisen
hat.
In der Zwischenzeit hat auch das Institut of Master of Wine Wind von den Vorwürfen bekommen und wird, wie aus dem Umfeld der derzeitigen Präsidentin Lynne Sherriff zu erfahren war, eine
Untersuchung über die Einhaltung des Ehrencodex durch Campo einleiten, die sich nicht nur auf die Zeit Campos als Master of Wine sondern auch davor beziehen soll. Von all dem will Parker
offenbar nichts gewusst haben, als er 2010 die Dienste von Campo in Anspruch nahm. Insider erinnern sich deshalb an frühere Ungereimtheiten mit Mitarbeitern im Zusammenhang mit der
französischen Juristin Hanna Agostini, die von 1995 bis 2003 zu Parkers Mitarbeitern gezählt hatte. In ihrem 2007 veröffentlichten Buch »Robert Parker – Anatomie eines
Mythos« erhebt sie schwerwiegende Vorwürfe gegen Parker und bestreitet seine Unabhängigkeit und Rechtschaffenheit.
Auf dem deutschen Markt hat der Name Parker offenbar, wie in anderen Ländern auch, eine ungebrochen verkaufsfördernde Wirkung. In unzähligen Weinkatalogen und Angeboten erscheint
sein Name und schmückt die ausgezeichneten Weine. Vor allem spanische Weine erscheinen gehäuft mit erstaulich hohen Bewertungen. Die helfen offensichtlich ganz gewaltig beim Verkauf, wie
aktuell an den beim Discountprimus Aldi Süd (Angebot vom 12. Dezember) offerierten Weinen zu erkennen ist. In vielen Filialen waren die Weine, insbesondere der mit 90 Parker Punkten
beglückte spanische Azumbre Verdejo aus der DO Rueda der Agricola Castellana aus dem Jahrgang 2010, schon nach wenigen Tagen ausverkauft. Offenbar nicht ohne Grund ziert Jay Millers
Präsentation auf Parkers Homepage der Zusatz »The Million Dollar Nose«. Am Beispiel dieses Weines lassen sich jedoch sehr gut die Zweifel an Parkers System und Seriosität,
insbesondere auch an der Qualität der Urteile von Jay Miller aufzeigen. Der gleiche Wein stand auch schon vor einem Jahr bei Aldi Süd in der Aktion, ziemlich genau zur gleichen Zeit vor
Weihnachten. Allerdings war es damals der Jahrgang 2009, der von Miller mit 88 Punkte bedacht und wie der Wein aus dem Jahrgang 2010 für 4,99 Euro zu haben war. Er soll, wie WEINWIRTSCHAFT
damals recherchieren konnte, im April 2010 von Miller verkostet worden sein. Die Füllung erfolgte jedoch erst im Herbst 2010 also kurz vor dem Verkauf bei Aldi. Das wirft Fragen auf: War es
der gleiche Wein, den Miller im April verkostet hatte? Wie stellt Parker sicher, dass die Bewertungen, die seinen Namen tragen nicht für andere Füllungen und Lose verwendet werden? Wie
hält es Parker überhaupt mit der Authentizität der Weine? Was hat Miller tatsächlich verkostet? Ein Muster? Einen präparierten Wein? Oder hat er keine Ahnung von Wein? Ist
er unfähig, ein zutreffendes Urteil über Weine abzugeben? Fragen über Fragen, auf die wir eine Antwort suchten.
Wir schrieben am 6. Januar 2011 ein E-Mail an Parker und warten noch immer auf eine Antwort. Dafür gab es jetzt wieder das Angebot des Azumbre Jahrgang 2010, noch höher bewertet. Ein
Wein, von der die Genossenschaft, die ihn produzierte, noch vor ein paar Jahren kund tat, dass sie nur 50.000 Flaschen produzieren könne, da er aus vier begrenzten Einzellagen stamme. Wie kann
es sein, dass die Menge plötzlich für Exporte in die ganze Welt und die Masse der Aldi Süd-Käufer reicht? Das Wunder zu Kanaan. Wer den »Aldi Azumbre Verdejo«
verkostet, kommt zu einem anderen Ergebnis. Ein mittelprächtiger Wein, der mit 78 bis 79 Punkten gut bedient ist. Schon ein bisschen müde, alt und vor allem mit Säure aufgepeppt,
nahezu aggressiv wirkt. Da waren Önologen dran, die aus schwachem Material noch das Beste herausgeholt haben. Aber 90 Punkte? Ein »outstanding« oder herausragender Wein, komplex
und mit exzeptionellem Charakter, wie es Parker bei 90 Punkten verlangt? Nie und nimmer. Schade für die Aldi Käufer. Für 4,99 Euro gibt es Besseres, viel Besseres, Herr
Parker. Hermann Pilz
Links:
Meininger’s Wine Business International: A long, hard look at the Spanish cash for access scandal
Meininger's Wine Business International: Robert Parker launches legal investigation
Meininger's Wine Business International: Campo and Miller - a personal reflection
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